NWZ vom 15.09.2005
Die Göppinger Galerie Kränzl zeigt neun
zeitgenössische Positionen von Papierkunst
In
den Arbeiten wird Papier von seiner Rolle als Trägermaterial entbunden
Entbunden von der Rolle als Trägermaterial für Bild und Schrift entwickelten Künstler wie
Rauschenberg oder Hockney Papier zum eigenständigen Kunstobjekt. Die Galerie Kränzl in Göppingen zeigt in einer Ausstellung Arbeiten von neun zeitgenössischen Papierkünstlern.
Hans
Steinherr
GÖPPINGEN
• Bücher hängen wie Bilder an der Wand, wie spröder Blätterteig brechen die
aufgeschlagenen Seiten auseinander. Papier ist für den italienischen Künstler
Vito Capone nicht nur etwas, was bedruckt oder bemalt werden kann. Papier ist
ein eigenständiges Kunstobjekt. Man wagt erst gar nicht, danach zu greifen.
Allzu leicht könnte seine Buchkunst zwischen den Fingern zerbröseln. Capone
macht spürbar und sichtbar, wie man Papier vom allgemeinen Alltagsprodukt zum
individuellen Kunstgegenstand verändern kann. Noch ist die Aufgabe des Papiers,
als Trägermaterial für Bild und Schrift zu dienen, erkennbar; die Veränderung
hin zum Kunstobjekt ist jedoch bereits im Gange.
Die neuzeitliche Papierkunst entstand erst Anfang
der 60er Jahre. Künstler wie der Amerikaner Robert Rauschenberg oder der Brite
David Hockney nutzten den Rohstoff Papier für eine eigene künstlerische
Ausdrucksfähigkeit und entblätterten nahezu grenzenlose Möglichkeiten der
Gestaltung.
Die Galerie Kränzl in Göppingen zeigt jetzt in ihrer
Ausstellung über Papierkunst neben Capones Büchern die Arbeiten von acht
weiteren Künstlern. Ein jeder mit individuellen Unterschieden. Helene und
Joachim Tschacher stellen Papier aus Spargelschalen, Flachs oder Hanf her und
verarbeiten die Papierpulpe zu Papierschiffen oder Objekten, die an Früchte
erinnern. Josef Bücheler bearbeitet mehrschichtiges Büttenpapier solange mit
dem Graphitstift, bis das Papier wie aufbrechende Schoten aufplatzt und tiefer
liegende Schichten freilegt. Der Oberhausener Andreas Kocks, der in New York
lebt, schafft räumliche Papierbilder. Er schneidet in die Ebenheit des Papiers
eine neue Dimension, die Licht und Schatten hervorbringt und sich unendlich
auszudehnen versucht. Ein System aus Lochkarten, die einst beim Weben von
Damastdecken eine wichtige Rolle spielten, hat Dorothea Reese-Heim, Professorin
an der Uni Paderborn, in Paraffin gegossen, konserviert und daraus ein sich
ausdehnendes oder gestauchtes, rautenförmiges Wandgeflecht in Serie entstehen
lassen. Für die Baseler Künstlerin Therese Weber - Professorin wie Dorothea
Reese-Heim - ist Papier der Kulturträger schlechthin. Ihre bei Kränzl
ausgestellten Arbeiten beschäftigen sich mit den geschichtlichen und
kulturellen Zusammenhängen von Papier. Der Stuttgarter Eberhard Freudenreich
wiederum schneidet scharfkantige und abstrakte Formen aus farbiger Pappe und
steckt die Teile phantasievoll ineinander. Noch einmal möchte man zugreifen und
traut sich wieder nicht. Die in Tübingen geborene und in Stuttgart lebende
Sabine K. Braun schneidet aus mehreren Lagen Packpapier in Streifen, die sie zu
filigranen Stangen und Stäben zusammenklebt und anschließend in kleinste
Bausteine und Module zerteilt. Die wiederum verleimt sie zeitaufwendig zu
phantasievollen Konstrukten aus einer Welt von Architektur und Technik. Aus organischem
Rohstoff erstellt Sabine K. Braun zerbrechliche und transparente Gebilde. Die
Ausstellung „Papierkunst" beweist: Als Kunstobjekt hat das Produkt Papier
seine Zerreißprobe eindrucksvoll bestanden.