Südkurier
vom 26.07.07
Heraus aus dem Kreislauf der
Vergänglichkeit
Galerie Kränzl in Gaienhofen-Horn
zeigt Paper Art - Ausstellung dauert noch bis 5. August
CLAUDIA ANTES-BARISCH
Eine
bemerkenswerte Ausstellung ist derzeit in der Galerie Kränzl in Horn zu sehen. Trude
Kränzl, der engagierten Galeristin, ist es gelungen, bedeutende Künstler der
Paper Art nach Horn zu holen: Sie alle behandeln auf faszinierende Weise den
wichtigsten Kulturträger der Menschheit, das Papier.
Die Kulturgeschichte des Papiers begann
vor etwa 2000 Jahren in China, aber erst mit der Erfindung der Buchdruckerkunst
Mitte des 15. Jahrhunderts wurde das Papier auch bei uns unentbehrlich. Einst
transportierte Papier Botschaften an die Götter, war Träger unglaublich
wertvoller Schriften - heute ist es ein Wegwerfprodukt. Dem entgegen stehen die
Arbeiten der in der Galerie ausgestellten Künstler. Sie erschaffen ihr Papier
selbst, entreißen es der Vergänglichkeit. Allen voran der Amerikaner John
Gerard, der die Papierkunst nach Deutschland gebracht hat. Von ihm
stammt die Technik des Malens mit Papier, wobei er aber auch das selbst
geschöpfte Papier zu Collagen verarbeitet.
Das Malen mit Papier zeigen auch die
Arbeiten der bekanntesten Schweizer Papierkünstlerin Therese Weber. Die
Professorin der Hochschulen beider Basel beschäftigt sich seit 30 Jahren mit
den geschichtlichen, kulturellen und kunsthistorischen Zusammenhängen von
Papier und dessen weltweiten Verknüpfungspunkten. Ihr Buch „Die Sprache des
Papier" ist in der Galerie einzusehen. Hanf, Baumwolle und anderes
Naturfasermaterial sind die Ausgangsprodukte des Bildhauers Joachim Tschacher. Aus ihnen fertigt er Papier und verarbeitet
es zu dreidimensionalen Kunstwerken. Sein bei Kränzl ausgestelltes „lifeboat" wirkt zart und stark zugleich.
Bei Josef Bücheler
wiederum wirken die Objekte sehr stabil. Der im südwestdeutschen
Raum bekannte Künstler arbeitet mit bunten Zeitungen, Graphit, Erde, Asche und
Zweigen. Das Zusammenspiel des Materials verleiht den Arbeiten Kraft und
Gestalt. Ganz anders wiederum der Italiener Vito Capone: Bei ihm werden selbst erschaffene Bücher zu Objekten
mit einer besonderen sinnlichen Qualität. Er greift in den Entstehungsprozess
des Papiers ein, formt, verändert. So entstehen Strukturen und Reliefs, die man
berühren möchte. Dorothea Reese-Heim wendet sich in
ihrem Werk Büchern zu, die zum Wegwerfen bestimmt sind. Sie erhält das ehemals
so wertvolle Gut, indem sie es in Paraffin eingießt. Dabei entstehen ebenso
erstaunliche Objekte wie bei ihren „entfremdeten“ oder eingepackten Büchern.
Auch Margund Smolka greift
bei ihren Arbeiten auf vorgefertigtes Material zurück. Indem es zerschneidet,
zersägt, verdreht und in neue inhaltliche Zusammenhänge bringt, schafft sie ein
ganz neues Kunstwerk. Wie auch andere Künstler in dieser Ausstellung enthält
sie dem Auge das gedruckte Wissen bewusst vor und thematisiert damit die
moderne Crux des Buches: Der Widerspruch
zwischen der Masse der Informationen und dem Desinteresse am gedruckten
Wort.